Polen: Manifa 2012 – Bericht von der Warschauer Demonstration

Am 11. März 2012 fanden unter dem Namen ‚Manifa‘ verschiedene Proteste im Zusammenhang mit Frauenrechten, Gleichberechtigung und gegen Diskriminierung in mehreren größeren Städten in Polen statt. Demos wurden in Warschau, Poznan, Gdansk, Krakau, Torun, Wroclaw, Lodz und Olsztyn durchgeführt. Die diesjährigen Demos wurden von FeministInnen, radikalen Gruppen und Gewerkschaften, lokalen Communities und Gender-Initiativen organisiert. Es ist jener Tag, an dem Frauen und Unterstützer auf die Straßen der polnischen Städte gehen, um ihre Ansichten über Frauenrechte zu äußern.

Es folgt ein Bericht, der sich auf die Warschauer Demonstration bezieht und von Mitgliedern der polnischen anarcho-syndikalistischen Gewerkschaft ArbeiterInneninitiative (Inicjatywa Pracownicza, IP) verfasst wurde. Die IP wurde  2001 als eine informelle anarchistische Gruppe gegründet, deren Ziel es war, die alltäglichen ArbeiterInnenkämpfe voranzutreiben. Seit September 2004 agiert sie als eine offizielle landesweite anarcho-syndikalistische Gewerkschaft.

Brot statt Meisterschaft! Kindergärten statt Stadien! Angemessene Löhne statt Nelken!

Am 11. März 2012 zog die 13. Manifa – eine alljährliche Demonstration für Frauenrechte – durch die Straßen von Warschau. Dieses Jahr beteiligten sich mehrere tausend Menschen, unter denen unter anderem auch Mitglieder und UnterstützerInnen der ArbeiterInnenintiative IP waren (dazu zählen GewerkschafterInnen und Arbeitsgruppen der ‘Gewerkschaft der Angestellten in Kindertagesstätten’ in Poznan, das Komitee von Warschau, Torun, Pozanen und Kostrzyn).

Ein wiederkehrendes Thema der diesjährigen landesweiten Demos war die ungleiche Verteilung des öffentlichen Geldes durch die Regierung und lokale Behörden, die die Interessen und Rechte von Frauen beeinträchtigen, vor allem die der armen. Ungerechte Verteilung von Reichtum wird besonders im Hinblick auf die Euro 2012 sichtbar. Während in die Infrastruktur investiert wird, die der Europameisterschaft dient, haben lokale Behörden die Schulden vieler Gemeinden erheblich gesteigert. Die Haushaltsprobleme wurden systematisch durch Einsparungen in den Sozialausgaben  ausgeglichen. Dies führte zur massenhaften Schließung von Schulen, Kindergärten und –Krippen und steigende Betreuungskosten, die für Eltern anfallen, oder Lohnkürzungen von Frauen, die einer Niedriglohnbeschäftigung nachgehen müssen aufgrund ihrer Bildung und der Kinderbetreuung. Gleichzeitg bietet der Staat finanzielle Unterstützung für die Institution der katholischen Kirche, indem er die Kosten für den Religionsunterricht übernimmt oder die Renten für Priester vom Geld der SteuerzahlerInnen (unabhängig von der Religion) zahlt.

Diese Themen wurden in Reden von Aktivistinnen thematisiert, unter anderem durch Mitglieder verschiedener Gewerkschaften: NZZ August 80’, die Gewerkschaft der KrankenpflegerInnen, Midwives und OPZZ. Mitglieder der ArbeiterInneninitiative hielten Reden auf der Demo. Ein Aktivist des Komitees, das in einem Pflegezentrum in Poznan ins Leben gerufen wurde, betonte die katastrophale Situation der Frauen, die in jenen Institutionen angestellt sind. Die Hauptprobleme bleiben weiterhin die geringen Löhne, die folglich die Lebensqualität beeinträchtigen, und die Schwierigkeit, die Familie zu versorgen. ArbeiterInnen in Kinderkrippen befinden sich seit einiger Zeit in einem lang anhaltenden Kampf um eine Gehaltserhöhung, aber die lokalen Behörden haben ihre Bemühungen und Bedürfnisse bisher erfolgreich ignoriert und ihre Forderungen zurückgewiesen. Ein Gewerkschaftsmitglied äußerte unsere beständige Opposition gegenüber jener Politik, die auf der einen Seite den Zugang zu Basisdienstleistungen und soziale Programme beschränkt – wie die Schließung von vielen Schulen und Kindergärten, aber auch die ständig steigenden Kosten für Pflegezentren bei fortschreitender Ablehnung, die sklavenartigen Löhne der Angestellten zu erhöhen – und auf der anderen Seite einen offensichtliche Eifer ausdrückt, hunderte Millionen von polnischen Zlotys für die Unterhaltung in Form der Fußballeuropameisterschaft auszugeben.

Ein Aktivist der Arbeitsgruppe aus Poznan fügte hinzu, dass wir nicht nur die ungleiche Teilung des Haushaltsgeldes ablehnen, sondern auch die ungleiche Arbeitsteilung. In diesem Zusammenhang werden Frauen überwiegend dahingehend sozialisiert, unbezahlte oder schlecht bezahlte Jobs anzunehmen – ein Aufwand, der meistens von Personen aus den unteren Einkommenschichten erbracht wird. Auf diesem Weg bleibt das gesellschaftliche Ansehen von Bereichen, in denen hauptsächlich Arbeiterinnen beschäftigt sind – wie Kinderbetreuung –, unterbewertet und unterfinanziert. Wir sollten uns tagtäglich dieser Situation widersetzen, höhere Löhne für KinderkrippenarbeiterInnen, eine erhöhte Finanzierung für Bereiche wie der Gesundheitsfürsorge, Bildung und Kultur fordern und ebenso erhebliche Veränderungen in der Organisation der Gemeinden, in den wir leben, beanspruchen.

Während der Manifa organisierte die ArbeiterInneninitiative einen erkennbaren, separaten Block, der sich hauptsächlich mit Wirtschaftsthemen auseinandersetzte und dem Fakt, dass Frauen dazu gezwungen werden, den Preis der Krise zu zahlen. Wir trugen Transparente und Plakate mit folgenden Parolen: „Brot statt [Europa]Meisterschaft“, „Kindergärten und Häuser statt Stadien“, „Bürgermeister, wechselt ihr die Windeln für 1.500 Zloty“ [umgerechnet 362 €], „Streik in der Kinderbetreuung jetzt“, „Kinderbetreuung ist keine private Pflicht der Frauen“ und „Brot und Rosen statt Spiele.“ Anarcho-syndikalistische Flugblätter wurden außerdem verteilt als eine Sonderausgabe des Newsletters der ArbeiterInneninitiave und regte zur Beteiligung an den Protesten gegen die Euro 2012 im Juni an.

Danke an alle für die Teilnahme an der Manifa 2012, besonders an jene, die hunderte von Kilometern gereist sind, um an diesem Tag bei uns zu sein und für die Rechte der Frauen zu kämpfen!

Die OrganisatorInnen der Demos

Das 8.-März-Frauenbündnis stellte eine Zeitschrift zusammen, wo unsere Stellungnahme abgedruckt wurde (hier). Du kannst dir außerdem einen kurzen Videoclip ansehen, der der Mobilisierung der Demo diente, wo auch Mitglieder unserer Gewerkschaft sprechen.

Quelle

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