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5. Teil eines Interviews mit der anarchistischen Gefährtin Sofi über die Repression und Solidarität in Mexiko

Das Interview wurde von auf It’s going down auf Spanisch mit der anarchistischen Gefährtin Sofi aus Mexiko über die anarchistische Organisierung und Solidarität innerhalb und außerhalb mexikanischer Gefängnisse geführt. Die GefährtInnen von It’s going down haben inzwischen eine englischsprachige Transkription auf ihrer Seite publiziert, über die Contrainfo informiert wurde. Die deutschsprachige Übersetzung des recht langen Interviews wird in mehreren Teilen erscheinen.

Kunst des Cimarrón Kollektivs (auf einer Telefonkarte)

Die Arbeit des Cimarrón Kollektivs

IGD: Danke, Sofi. Und wie du gesagt hast, das Cimarrón Kollektiv hat eine Punkband im Nord-Gefängnis. Jetzt weden wir uns eine Musikpause gönnen und einen ihrer Songs hören, mit dem Titel “Enajenación” (Entfremdung).

Anhören dieses Titels.

IGD: Kannst du uns ein wenig mehr über Cimarrón und ihre Tätigkeiten erzählen, wie diese aussehen und was sie machen?

Sofi: OK. Wie schon gesagt, ist Cimarrón ein Kollektiv männlicher Gefangener,- weil sie in Männer-Gefängnissen sind. Nach der Logik von Fernando über sozialer Arbeit in Gefängnissen. Schau, etwas was ich an Fernando mag, ist, dass er das Gefängnis nicht als eine Belastung ansieht. Er sagt, „Wir als Anarchist*innen können in der Gesellschaft arbeiten, in welcher Gesellschaft wir uns auch immer befinden. Momentan bin ich im Gefängnis und ich kann hier arbeiten.” Er sieht das Gefängnis nicht als etwas, was ihn runter zieht, er erkennt es als Gelegenheit, sich an anarchistische Politik im Gefängnis zu betätigen.

Innerhalb dieses Rahmens hat Fernando viele Verbindungen zu anderen Gefangenen geschlossen. Er arbeitete mit Einigen und als der erste Hungerstreik begonnen hatte, bildete sich CIPRE, was die informelle Koordinierung von Gefangenen im Widerstand ist. Dank CIPRE, wurden einige sogenannte soziale / gewöhnliche Gefangene entlassen, obwohl jede*r Gefangene ein*e politische*r Gefangene*r. Ist. Später hat sich CIPRE aufgelöst und Fernando gründete mit anderen Gefangenen das Cimarrón Kollektiv.

Dieses verfügt über einen mehr kulturellen, als politischen Charakter. Seine Arbeit mit Gefangenen umfasst Workshops, was ein wenig bei den Anstrengungen aufmuntert, die die politische Arbeit leider mit sich trägt. Sie nutzen kulturelle Arbeit als Mittel der Bewusstseinsschaffung. Das Gefängnis hat seine Workshops, seine Kultur und all die Lehrer*innen kommen von Draußen um Workshops zu geben. So haben sie sich gesagt: „Wenn wir über Kenntnisse verfügen, Ding zu tun, warum geben wir keine Workshops?” So begannen sie ihre Workshops zu planen und eine*r sagte „Ich weiß etwas über das Tätowieren, so gebe ich ein Workshop darüber. Ein andere*r ergänzte: Ich weiß wie man zeichnet“. Ein Gefährte, Sinué Rafúl, malt mit Öl und er bietet ein Ölmal-Workshop an. Ein anderer zeichnet. Fernando bietet, wie wir bereits erwähnten, Workshops über Kreatives Schreiben an. Abraham fertigt Kunsthandwerke an. Ein anderer Gefährt, Ramón, macht Yoga. Gerardo Ramírez Tatoos und Malerei. Eine Vielzahl von ihnen bietet verschiedene Workshops an. Ich gebe einen über Kreatives Schreiben.

Kunst des Cimarrón Kollektivs (auf einer Telefonkarte)

Bald werden zwei Projekte auf uns zu kommen. Eine ist Gesundheitsförderung, so dass die Gefangenen die Fähigkeit haben, andere Gefangene zu untersuchen und bei einfachen Krankheiten, wie Erkältungen, Gastritis, Kopfschmerzen, Benutzung von Akkupunktur und natürlicher Medizin, wie Tinkturen, zu helfen. Was wir machen ist ganz einfach. Jemand trainiert mich und ich trainier andere. Und falls ein Gefangener eine bestimmte Krankheit hat, gibt es Draußen eine Solidaritätsgruppe von Doktoren, die Unterstützung anbietet. Es gibt Gefährt*innen, die AnhängerInnen der Anderen Kampagne sind, die im Jahre 2006 Gefangene aus Atenco waren. Sie sind Allgemeinmediziner und Spezialist*innen, Ernährungsberater*Innen, Psycholog*innen. Sie sind alle in der sozialen Bewegung involviert.

Das bedeutet, dass den Gefangenen geholfen wird, wenn sie spezielle Probleme haben, wie der Gefährte mit den Zahnschmerzen. Oder als Fernando, nach dem letzten Hungerstreik, überführt wurde und während des Transports ihn die Wachleute geschlagen und seinen Kiefer gebrochen haben. Er war für elf Monate gebrochen und mit politischen Druck schafften wir unseren Gefährten, der Zahnarzt ist, ins Gefängnis zu bekommen, um Fernando zu untersuchen. Das Gefängnis wollte keine Material bereitstellen, so mussten wir alles hineinbringen, um ein Mini-Zahnarztpraxis im Gefängnis einzurichten, so dass sich um Fernando gekümmert werden konnte. Es gibt GefährtInnen, die Spezialist*innen in Chiropraktik, Akkupunktur sind und sie helfen.

Kunst des Cimarrón Kollektivs

Zudem geht es um Kommunikation und Gemeinschaftsradio. Wir bieten Workshops über Rede, Programmstruktur. Sie beginnen ihre Skripte zu verfassen, entscheiden, was sie diskutieren möchten und bald gibt es eine Radiosendung und ihr alle, könnt sie euch hören. Gut, auf Spanisch, natürlich. Ich mag sie wirklich, weil wir viel an der Wiederaneignung von Sprache arbeiten. Sie haben eine Sprache im Gefängnis und wir erzählen ihnen, dass sie nicht auf andere Weise sprechen müssen, benutzt eure eigene Sprache

Es gibt auch eine anarchistische Buchhandlung mit dem Namen Xosé Tarrio, der in FIES (besondere Isolations- ) Gefängnissen in Spanien eingesessen hatte. Er war als Ausbrechkünstler bekannt, er versuchte immer auszubrechen. So wurde er als einer der fünf gefährlichsten Gefangenen in Spanien angesehen. Er starb in sehr schlechter Verfassung an HIV. Seine Mama, Pastora González, sagte, “Mein Sohn starb am Gefängnis, nicht an Aids.“So erkannten die Gefährt*innen die Leistungen von Xosé Tarrio und benannten die Buchhandlung nach seinem Namen. Die Bibliothek ist öffentlich, jeder Gefangene kann sie nutzen. Die meisten Texte sind anarchistisch, aber es gibt auch andere Lektüre.

Ein anders ihrer Projekte ist die Punkband Commando Cimarrón. Einige schreiben die Texte, andere komponieren die Musik, andere spielen den Bass, die Gitarre, das Schlagzeug. Ihr habt eines ihrer Songs gehört.

Und es gibt ein Pamphlet, ein Zine, mit dem Namen „Wild und Kriminell“ Auf dem Cover ist eine Zeichnung von Fernando Bárcenas. Und all diese Gefährt*innen, stellen, jeden Dienstag, seit sechs Monaten, diese Arbeit zusammen. Es wurde entworfen und veröffentlicht durch das Anarchist Black Cross. Und editiert wurde von den Gefährt*innen Luna, Belarmino Fernández und von mir. Aber es war kein strenges editieren, mehr das Vorschlagen eines Stiles, den sie akzeptieren können. Manchmal sagten sie Nein, andere Male akzeptierten sie unsere Änderungen. Wir wollen nicht die Idee umsetzen, dass es ein perfektes Schreiben sein muss. Was uns interessierte ist, was die Gefährten schreiben

Der Workschop hat sdie Absicht, Erinnerung durch die individuelle Person zu schaffen und durch diese Erinnerung können wir Kollektivität erzielen. Und es war ein großartiger Workshop für sie. Am Anfang sagten sie, sie wissen nicht, wie sie schreiben sollen und dachten immer, dass zu schreiben etwas für Fachleute wäre. Und wir sagten, dass das nicht wahr wäre und dass wir alle schreiben können. Wir gaben ihnen ein paar Übungen, um ihnen zu Beginn zu helfen. Und sie merkten, dass es leicht war, zu schreiben. Sie mochten es sehr, weil sie sagten, weil es emotionale Entspannung brachte. Ein Beispiel, das ich niemals vergessen werde. Wir waren im Workshop und sie mussten drei Mal am Tag unterschreiben, damit die Wachleute wussten, dass sie nicht geflohen sind. Um ca. drei Uhr, wird sich während des Workshops eingetragen. Dazu müssen sie den Workshop verlassen und sich eintragen und dann wieder zurückkehren. Einmal, war einer von ihnen extrem fokussiert am Schreiben und ein anderer Gefangener fragte “Hey, willst du dich eintragen?“ und er drehte sich um und erwiderte „Was?“ Worauf ihm entgegnet wurde: „Ja, wir werden uns eintragen. Kommst du mit oder nicht?“ und er drehte sich um und antwortete „Ah, ich bin im Gefängnis“ und er wendete mich mir zu und sagte “Sofi, Ich habe das Gefängnis verlassen“. Für mich war es wirklich eindringlich, weil Schreiben ihnen hilft, in bestimmten Momenten das Gefängnis zu verlassen.

Weiter ist wichtig zu erwähnen, dass sie in einer männlichen Gesellschaft leben. Die Gesellschaft ist patriarchal und erlaubt ihnen nicht, traurig zu sein. Sie haben immer stark, „Macho“ zu sein und sich gut zu fühlen. Sie dürfen niemals traurig sein, weil das für Schwäche steht. In den Workshop dürfen sie ausdrücken „Ich fühle mich wirklich schlecht..” Und sie durften weinen. Was für viele Leute eine einfache Aktion ist, aber für sie ist es nicht einfach. Wenn sie ihre Arbeiten lesen, bricht ihre Stimme ab und sie weinen, was für sie sehr befriedigend ist Das ist die Entspannung, die ihnen erlaubt, sich selbst als Individuum zu verstehen. Und ihnen die Schaffung von Kollektiven ermöglicht. Diese Arbeit ist recht simpel, hat aber eine soziale Wirkung für sie, nicht für andere, nur für sie. Das ist Wild und kriminell, es ist auch auf Spanisch.

Ich möchte euch etwas Kurzes vorlesen, das sie herausgebracht haben. Ich werde etwas von Hard lesen, das von einer Übung ist, die wir gemacht haben. Wir sagten “Wenn Cimarrón ein Tier wäre, welches Tier auch immer, das zu seiner Wildheit zurückkehrt, mit welchem Tier identifizierst du dich?” Und wir werden über das Tier schreiben, mit dem du dich identifizierst. Hard wählte den Kolibri. .

Im Cimarrón Project, sind wir alles, Malerei, Musik, Tod, unsere Vorstellungskraft ist unsere beste Qualität. Im Kommando, Projekt Cimarrón, bin ich ein Kolibiri der viel flattert, viel, sein Herz fängt Feuer, zu fliegen ist mein Merkmal, warum wünsche ich mir Füße zu haben, wenn ich Flügel zum Fliegen habe, sagte Frida Kahlo. Dieser Kolibri, der in dein Herz flattert, zeigt euch das Lächeln des Feuers, das in euren Herzen brennt, ganz wie das Flattern des unglaublichen Kollibris, der euch mit einem brennenden Herzen grüßt.Mit jedem Tag, mit jedem Flügelschlag, nach links und zur linken Seite, in die Kälte, in den Sommer, zum Mond, zur Sonne, zu all unseren Sternen. Ich bin der Kollibri. Der Kollibri, der Farben auf seinen Flügeln flattert, der Kollibri auf der linken Seite des Gewissens.

Wie wir sehen, ist es eine poetische Arbeit, nicht so einfach. Das Radioprogramm, das ihr hoffentlich bald hören könnt, ist sehr interessant, weil sie sehr gut Sounds einsetzen. Es lässt die Hörer*innen mehr verstehen, wie das Leben im Gefängnis so ist. Ihr werdet es mögen. Das ist „Wild und Kriminell“ die Gefängnis – Anthologie. Es gibt um die 43 Texte. Ich bin sehr stolz auf diese Arbeit, nicht nur, weil ich involviert war, sondern über das, was es für sie bedeutet. Hiernach sehe ich sie als menschlicher und weniger in ihren Tatvorwürfen, die der jüdisch-christlichen Staat ihnen anhängt und der Idee, sie sollten unter schlechten Bedingungen leben, weil sie es verdienen. Jetzt sind sie Gefährten, die würdiger leben, mehr lachen, ihre Körper sind weniger gebeugt, sie stehen gerader. Gewisse Aspekte haben sich verändert. Und das ist für mich sehr wichtig.

Kunst des Cimarrón Kollektivs

Es gibt auch El Canero, die Zeitung an der sie alle arbeiten. Sie ist politischer. Jeder Gefangene kann schreiben, anonym oder auch nicht und das Gefängnissystem oder ihren Fall verurteilen. Andere politische und anarchistische Gefangene haben für sie geschrieben.

Dieses sind die Projekte des Cimarrón Kollektivs. Und es ist in einem Raum, den das Gefängnis nicht zur Verfügung stellt, es ist ein Raum, den sie autonom geschaffen haben. Die Buchhandlung, alles ist geschaffen und wird autonom unterhalten. Aber es wird sehr unterstützt durch die Gemeinschaft. Sie haben uns zu einem Konzert eingeladen, dass sie gegeben haben und ich habe es wirklich gemocht, weil viele Gefangene kamen und sie begannen sich Lieder zu wünschen. Ihre Songs wurden im Gefängnis bekannt. So ist es weniger ihr eigenes Projekt, viele Gefangene sind mit ihm vertraut und wir mussten uns mit eine Menge von ihnen treffen

Ich fühl mich mit ihnen sehr sicher. Da ist immer diese Vorstellung, dass es gefährlich wäre, ein Gefängnis zu betreten. Das ist nicht wahr. Natürlich verfügt ein Gefängnis über Gefahren. Ich kann sagen, dass einer der Plätze, an denen ich mich am sichersten und unter Freunden fühle, mit ihnen ist. Ich weiß, dass sie nichts versuchen werden. Ein anderer Gefangener wird nichts versuchen, weil all meine Gefährten dort sind, die auf mich aufpassen und wir passen aufeinander auf. Sie haben gelernt, Frauen nicht wie Machos aus der Mexikanischen Machista-Traditon zu behandeln, sondern sie sehen uns als anarchistische Gefährtinnen. Ich mag das Wort Respekt nicht, aber mit irgend einer Art von Respekt. Es ist nicht, dass sie mich respektieren, es ist, dass sich mich mit mir als Gefährtin identifizieren.

Das ist mehr oder weniger die Arbeit des Kollektivs, und das Kollektiv ist dank der Arbeit von Fernando Bárcenas entstanden, die konstante „nicht-wie“ Arbeit. Und heute erreichte uns eine sehr schlechte Nachricht, die ist, dass Fernando’s letzter Rechtsweg abgewiesen wurde. Dieser würde ein gerichtliche Verfügung bedeuten, den zuständigen Richter aufzufordern, den Fall neu zu untersuchen. Falls er die Verfügung gewährt hätte, wäre ein neues Urteil die Folge, das bedeuten würde, dass Fernando nach Bezahlung einer Kaution praktisch freigelassen worden wäre. Aber sie wiesen diese einstweilige Verfügung zurück. Das bedeutet, dass unser Gefährte für weitere drei Jahre im Gefängnis sein wird. Am Dienstag, (13. Dezember) ist Fernando jetzt drei Jahre eingesperrt. So hat er drei weitere Jahre, weil er eine Strafe von sechs Jahren hat.

Wir wissen nicht, was der nächste rechtliche Schritt sein wird. Es gibt andere Möglichkeiten, wie den Fall vor den Interamerikanische Menschenrechtsgerichtshof oder den Obersten Gerichtshof zu bringen. Es ist sehr schwer die Verhandlung solcher Fälle zu erreichen, aber wir halten euch durch die GefährtInnen hier am Laufenden und wir bleiben in Alarmbereitschaft.Fernando setzt kein Vertrauen in die Gesetze, so dass diese Entscheidung nicht so schwer für ihn ist. Aber sie ist es für seine Mama, für sie ist es ein starker Schlag. Und für uns auch. Natürlich wollen wir unseren Gefährten frei haben. Aber Fernando ist ein starker junger Mann. Ihm ist klar, warum er einsitzt und ihm ist klar, dass der Kampf nicht für seine Freiheit ist. Der Kampf ist für die Umwandlung der Gesellschaft in eine freie, gerechtere, menschlichere, autonomere. So ist die Situation. Dieses Jahr haben wir zwei schlechte Nachrichten erhalten: Die 33 Jahre Gefängnis für Fernando Sotelo bedeuteten auch einen herben Schlag für uns und jetzt die Ablehnung von Fernando‘s Verfügung. Aber, nun, ja, der Kampf geht weiter.

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